Predigt von Miriam Falkenberg zum Sonntag Okuli 2025, Jeremia 20, 7-11
Zu seinem Glück kann man bekanntlich niemanden zwingen. Aber man kann das Glück suchen. Zum Leid wird man gezwungen. Und unsere Kreuze suchen wir uns nicht aus, jedenfalls nicht bewusst und aktiv, sondern sie werden uns aufgegeben.
Leid ist in unserer Welt allgegenwärtig. Leid kennt jede und jeder von uns. Manche tragen so schwer, dass es unzumutbar scheint, manche hüpfen mit leichterem Gepäck durch die Welt.
Was ist aber, wenn ich für oder an einer gerechten Sache leide?
Wenn mich mein inneres Feuer für Gott auf Wege führt, die eine Zumutung sind?
Wie weit würde ich für Ihn gehen, für was meinen Kopf hinhalten?
Genau diese Fragen erwachsen aus unseren heutigen Lesungen.
Jesus, der die bedingungslose Aufgabe des alten Lebens fordert, um ihm nachzufolgen. Jeremia, der ein potentiell sorgenfreies Leben gegen den Prophetendienst eintauscht und dabei Folter, Hohn und Spott ertragen muss.
Die Lesungen sind radikal, im wahrsten, lateinischen Wortsinn; sie gehen an die Radix, an die Wurzel der biblischen Botschaft. Sie sind verstörend und unbequem. Damit sind sie genau das richtige für die Fastenzeit, die Sand in unser Alltagsgetriebe streuen will.
Die Vorgeschichte zum Predigtwort aus Jeremia ist diese: Jeremia ist ein sensibler Mann, der sehr jung zum Propheten berufen wird. „Zu jung“, nach Ansicht Jeremias selbst. Und in diesen jungen Jahren erlebt er den Vorabend der Katastrophe: Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Hier setzt der Auftrag Gottes an ihn an: Er soll das Volk vor dem Untergang Zions warnen und zur Umkehr aufrufen. Denn der Untergang der Stadt wird als Strafe Gottes betrachtet. Den Beistand, den Gott Jeremia zugesagt hat, spürt Jeremia jedoch nicht. Denn er kommt, mit seiner Gerichtsbotschaft gar nicht gut an, v.a. nicht in seiner Heimatstadt. Selbst seine Freunde und Vertrauten wenden sich gegen ihn und schmieden Mordkomplotte. Jeremia muss also für eine Sache leiden, die er gar nicht gewollt hat, für seine unbelehrbaren Zeitgenossen.
Am Gipfel seiner Qualen wird er von einem Priester in den Pranger gespannt, wo er 24 Stunden stehend in der Hitze ausharren muss, ohne Wasser und Speise.
Unser Predigtwort schließt nun genau da an.
Wir werden hineingenommen in das Gebet Jeremias, in seine heftige Anklage gegen Gott in Jeremia 20, 7-11:
7 HERR, du hast mich betört, und ich habe mich betören lassen. Du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich.
8 Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, »Gewalttat« und »Zerstörung« rufen; ja, das Wort des HERRN ist mir zur Verhöhnung und zur Verspottung geworden den ganzen Tag.
9 Doch sooft ich mir sage: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen reden, wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Und ich habe mich vergeblich abgemüht, es weiter auszuhalten, ich kann nicht mehr!
10 Ja, ich habe das Gerede von vielen gehört: Schrecken ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen! Alle meine Freunde lauern auf meinen Fall: Vielleicht lässt er sich verleiten, sodass wir ihn überwältigen und unsere Rache an ihm nehmen können.
11 Aber der HERR ist mit mir wie ein gewaltiger Held, darum werden meine Verfolger hinstürzen und ⟨mich⟩ nicht überwältigen. Sie werden völlig zuschanden, weil sie nicht verständig gehandelt haben; eine ewige Schande, die nicht vergessen wird.
Da diese Zeilen so persönlich sind, reizt es mich, Jeremia jetzt ganz persönlich anzusprechen.
„Ach, Jeremia, würde ich sagen.
Gegen deinen heftigsten Widerstand musst du auf Gottes Spuren gehen. Was hättest du für ein sorgenfreies Lebens haben können, zumindest bis zur Zerstörung Jerusalems. Du sagst, du hast dich verführen lassen gegen deinen Willen, wie ein junges Mädchen. Das ist ein sehr krasses Bild und ein starker Vorwurf gegen Gott. Das zeigt, wie sehr Er dir zu nah gekommen ist. Ich verstehe dich, da dir Gottes Verführungskunst ja nichts als Ärger, Angst und Schmerzen einbringt. Gottes Auftrag ist dir unter die Haut gegangen, hat ein Feuer in dir entfacht. Du brennst, ob du willst oder nicht, wirst von einer Leidenschaft verzehrt, die du nicht gesucht hast, sondern die dich gefunden hat.
Gott hat sich zu groß in dir gemacht, keine Chance, ihn wieder loszuwerden mitsamt seinem Auftrag.
Was für eine Zumutung!
Was sagt Gott, sollst du tun?
Du sollst den Finger in die Wunde legen. Sollst anklagen, die Gewalt, die den sozialen Ungerechtigkeiten zugrunde liegt.
Die grausamen Kinderopfer im Baalskult.
Das Vertrauen auf Götter aus Stein und nicht auf den lebendigen Gott.
Menschen, die den Bund Gottes ausschlagen, der sie doch in die Freiheit führen will.
Weißt du, wie aktuell das heute für uns immer noch ist, lieber Jeremia?“
Und ich würde ihm ein bisschen erzählen, was sich gut 2500 Jahre später so auf der Erde tut.
Von der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in unserem Land und auf der ganzen Welt.
Von der ausgebeuteten, geknechteten Schöpfung, vom Klima, dass sich immer mehr erhitzt.
Von den Debatten, die ebenso immer hitziger werden. Von den selbst ernannten Erlösern, die autokratisch Länder regieren und Parolen liefern, die Krieg und Hass säen. Die Menschenverachtung zur Chefsache machen.
Von den Kinderopfern, die es auch heute noch gibt, Kinder, die als Soldaten und Fanatiker missbraucht werden.
Und von der Idee eines rassisch überlegenen Menschen, die wieder großflächig Fuß fasst in Europa so auch in unserem Land.
Und vielleicht würde Jeremia nachfragen, wie es dann damals war, im Nazideutschland, ob es denn keine Propheten und Boten gegeben habe.
Und natürlich würde ich ihm von den Menschen und Kreisen im Widerstand berichten, von denen, die bekannt geworden sind wie Dietrich Bonhoeffer, von der Weißen Rose, z.B. die junge Sophie Scholl, deren Todestag sich gerade erst zum 82igsten Mal gejährt hat.
Dass Sophie wie er, Jeremia, ihren Kopf hingehalten hat aber das am Ende ganz wortwörtlich.
„Und weißt du, Jeremia“, würde ich fortfahren, „was diese Sophie Scholl gesagt hat, als sie vom Nazi Richter Freisler gefragt wurde, warum sie Widerstand gegen das Regime leistete?
Sie hat gesagt: „Einer muss ja anfangen.“ Einer muss diesem Wahnsinn die Stirn bieten.
Soweit meine Worte zu Jeremia.
Einer muss ja anfangen…das ist genau das, was mich mein ganzes Leben schon an Sophie Scholl beeindruckt hat: Dass hier eine junge Frau davon ausgeht, dass genau sie diese eine sein muss, die damit anfängt, ihre Stimme zu erheben. Die nicht wartet, bis es andere tun oder nicht tun. Eine Frau, die das gegen den Widerstand ihrer Angst und ihres Lebenswillens getan haben muss, als eine so sinnliche, kluge, junge Frau, die sie war. Das, was Sophie angetrieben hat war ihr inneres Glaubensfeuer, das sie selbst gar nicht für sonderlich stark hielt und dass sie doch standhaft machte.
Wenn ich 82 Jahre nach Sophies Tod wie vor einigen Wochen als eine von 250 000 Menschen auf der Theresienwiese stehe und Schilder hochhalte mitsamt der Menschenwürde, an die ich erinnere und dem Appell, Wahlkampf nicht auf dem Rücken von Verfolgten zu machen, so ist das, denke ich, gut und wichtig. Und zugleich kostet es mich nichts außer zwei Stunden Zeit zum Stehen und eine zum Plakate-malen. Hier in München ist Zivilcourage immer noch einfach.
Es kostet mich erst dann etwas, wenn ich das in anderen Regionen dieses Landes tun würde.
Es kostet mich etwas, wenn es heißt, in der U-Bahn einzuschreiten und mich einzumischen, wenn Schwache attackiert werden oder gegen Fremde Stimmung gemacht wird.
Wenn sich in erhitzten Diskussionen der Hass breit macht und Gegner zu Feinden werden.
Dann muss ich meinen Mund aufmachen.
Versuchen auch, zu vermitteln.
Jedenfalls: Ich müsste. Ob ich mich traue, steht auf einem anderen Blatt.
Diese wilde, wirre Zeit fordert uns als Christinnen und Christen dazu heraus, Flagge zu zeigen, unsere Stimmen zu erheben.
Es ist zugleich die Chance unserer Zeit, uns auf unsere Wurzeln, unsere Radix, zu besinnen, auf die wir als Kirche stehen.
Christusförmig leben ist radikal!
Und doch…ist der Jeremia-Schuh und der Sophie-Scholl-Schuh nicht doch eine ganz ordentliche Nummer zu groß für uns?
Diese Haltung fordert ja einen Menschen, der sich mit Haut und Haar der Liebe Gottes verschreibt mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Und das ist nicht unbedingt ein Garant für mein ganz persönliches Himmelreich. Meine Work-Life-Balance, mein kuschliges Nest, kann davon empfindlich getroffen werden. Es kann alles Mögliche passieren, wenn ich Gott ganz das Ruder meines Lebens in die Hand gebe.
Ja…vielleicht ist er uns wirklich zu groß, der Schuh.
Aber mal in ihn hineinfühlen, das können wir wohl. Ein paar Schritte darin laufen. „Einer muss ja anfangen“…
Das können wir dann üben, wenn es dunkel wird, wenn wir unser eigenes Kreuz besonders spüren, unsere Verletzungen, Verluste, Krankheiten oder wenn wir ein Kreuz für jemand anderes mittragen.
Es geht leichter, wenn wir annehmen, dass die von Gott versprochene Lebensfülle Freud und Leid meint. Es geht leichter, wenn wir den Widerstand gegen unsere Kreuze aufgeben.
Jetzt will mir Jeremia etwas sagen.
„Der Dreh- und Wendepunkt in meinem Gebet ist das Wort „Aber“. „Aber du bist mein starker Held“. Dieser Gott, sagt Jeremia, blieb für mich mein Held, trotz seiner Zumutungen an mich. Denn Ihm habe ich Gerechtigkeit zugetraut.“
Für uns Christinnen zeigt sicher dieser Gott-Held in Jesus Christus, den er uns geschickt hat.
Ein scheinbar absoluter Antiheld; wir feiern bald, dass er mit einem Esel statt mit einem Pferd auf den Zion einziehen wird.
Der hingerichtet wird wie ein Verbrecher, da er die Liebe und das Gottesreich zur obersten Maxime seines Lebens gemacht hat.
Er ermutigt uns, wenn er sagt: „Euch soll es als erstes um das Reich Gottes gehen! Alles andere wird euch hinzugegeben.“
Amen.