Predigt von Miriam Falkenberg zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres 2025, Lukas 6, 27-38
Liebe Gemeinde,
das Denken in Freund-Feind-Kategorien in unserer Gesellschaft ist auf dem Vormarsch, vielleicht verstärkt durch Wiederaufrüstung und Debatten zur Kriegstüchtigkeit. „Der Russe“ bedroht uns oder auch „die Migranten“. Es wir verbal und real aufgerüstet. Ob in der großen oder in unserer kleinen Welt: Der Feind, das sind die Anderen. Vielen Kindern wird morgens eine Message aufs Butterbrot geschmiert, die denselben Tenor hat: Lass dir nichts gefallen! Wehr dich. Wenn dir einer blöd kommt, dann zeig ihm die Zähne.
Die Devise ist: Wie du mir, so ich dir.
Und das im Schlechten wie auch im Guten. Denn auch, wenn mir Gutes widerfährt, Zuspruch, Geschenke, sehe ich zu, dass am Ende die Gleichung wieder stimmt, dass ich denen zurückgebe, die mir geben. Ich will doch niemanden etwas schuldig bleiben.
Hören wir das Kontrastprogramm jesuanischer Ethik, die das alles auf den Kopf stellt in einer Übersetzung von Lukas (6, 27-38):
27. Ich sage euch aber, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde, handelt gut an denen, die euch hassen; 28. segnet, die euch verfluchen, betet für die, die euch beleidigen. 29. Dem, der dich auf die Backe schlägt, biete auch die andere dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch das Untergewand nicht. 30. Jedem, der dich bittet, gib; und von dem, der das Deine nimmt, fordere [es] nicht zurück. 31. Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen ebenso! 32. Und wenn ihr die liebt, die euch lieben – worin besteht eure Ausstrahlung? Denn auch die Sünder lieben diejenigen, die sie lieben. 33. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun – worin besteht eure Ausstrahlung? Auch die Sünder tun dasselbe. 34. Und wenn ihr [nur] denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft – worin besteht eure Ausstrahlung? Auch Sünder leihen Sündern, um Entsprechendes zurückbekommen. 35. Vielmehr: Liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36. Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verurteilt nicht – und ihr werdet nicht verurteilt. Vergebt – und euch wird vergeben werden. 38. Gebt – und euch wird gegeben werden. Ein Maß, an dem nichts fehlt, wird man in euren Schoß geben: gedrückt, gerüttelt, überfließend! Denn mit welchem Maß ihr zumesst, wird euch wieder zugemessen.
Lieber Jesus, möchte ich sagen, meinst du das wirklich ernst und ganz konkret?
Willst du, in unsere heutige Zeit hineingesprochen, sagen, wir lassen uns brav von gestressten Auto- oder Radfahrern anpöbeln, durch unbezahlte Überstunden ausbeuten, von den Hatern dieser Welt im Netz beleidigen oder die Drohnen munter weiter in unserem Luftraum fliegen? Kurzum: Uns Gewalt von harmlos bis substanziell unterwerfen? Und, wie und warum, bitteschön, soll ich meinen Feind dann auch noch lieben? Das Maximum, das ich schaffe, ist meinem Widersacher in Ruhe zu lassen. Aber lieben? Jesus, Du treibst es zu weit! So sind wir nicht gestrickt; das ist unzumutbar. Du bist echt nicht von dieser Welt.
Wohl wahr, Jesus war nicht von dieser Welt. Aber er wollte etwas aus seiner Welt, aus dem Reich Gottes, in unsere Welt hinüber holen. Das ist der Kern seiner ungeheuerlichen Botschaft. Unsere menschliche Logik ist: Wie du mir, so ich dir. Jesus sagt: Wie Gott mir, so ich dir.
Der Text ist Teil der Feldrede die analog bei Matthäus als Bergpredigt zu finden ist. Jesus richtet sich an seine Jünger. Es gab eine starke Erwartung der Endzeit; und da soll in Israel nun das Neue anfangen, das die ganze Welt verändern wird. Die Jünger als Architekten einer alternativen Gesellschaft, gebaut auf dem „für die Anderen“, auf Güte und Barmherzigkeit. Wie Gott mir, so ich dir.
Und ja, Jesus hat das vermutlich sehr konkret gemeint und nicht metaphorisch. Die Haltung der Wehrlosigkeit zeigt sich nämlich auch in seinen Anweisungen an die Jünger, als er sie zu einem Probelauf ohne ihn nach Galiläa schickt. Nämlich: Ohne Proviant, ohne Sandalen, ohne Stock. Das war real! Wehrlos und damit auch gewaltlos waren die Jünger, maximal friedensbereit.
„Liebet eure Feinde“ also ganz im Ernst. Interessant, dass dieser Satz im Plural steht. „Liebe deinen Nächsten!“ aber „liebet eure Feinde“. Das steht einer Interpretation, die Feindschaft nur als persönliche Fehde sieht, entgegen. In Judäa waren die Römer als Kollektiv die natürlichen Feinde der Juden. Die Besatzer konnten sie zwingen, unentgeltliche Frondienste zu leisten und ihr letztes Hab und Gut zu geben. Der Mantel war bei den Ärmsten auch dazu gedacht, sich nachts zuzudecken. Umso ungeheuerlicher Jesu Forderung, nicht nur den Mantel, sondern auch das Untergewand zu überlassen. Jesus begründet das mit Schlüsselsatz: Gott ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Das ist Dreh- und Angelpunkt seiner Ethik. Wir sollen Spiegel von Gottes Güte sein, darin besteht „unsere Ausstrahlung“, wie es in dieser Übersetzung so wunderbar heißt.
„Die Feinde“ sind nicht nur Adressaten der Liebe Gottes. Sie sind auch deren Subjekt. Jesus sieht in ihnen Menschen, die selber Liebe geben können. Ein Beispiel ist der Hauptmann von Kafarnaum, ein Feind der Judäer. Er bittet Jesus, seinen Knecht zu heilen, weil er ihm wichtig ist, weil er ihn liebt, ohne, dass Jesus bei ihm erst einkehren muss. Jesus preist ihn für seinen Glauben.
Die Mitte des Textes bildet die Goldene Regel: Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen ebenso! Hier wird auf den Punkt gebracht, das Böse nicht nur zu vermeiden, sondern aktiv Gutes zu tun. Jesu Denken ist, was den Liebesbegriff angeht, fest in der hebräischen Bibel verankert. Es geht nicht um romantische Gefühle, sondern um tatkräftige Hilfe und Solidarität für meinen Nächsten, sei er/sie Freund oder Feind.
Jesus sagt uns also: Greif nicht zu denselben Waffen, wünsch und tu auch denen Gutes, die nicht zu deinen Lieblingsmenschen gehören oder die du sogar zum Teufel wünschst. Denn du bist aus demselben Holz geschnitzt wie Gott. Sieh im Anderen den Menschen, der wie du von Gott gewollt und geliebt ist und der fähig ist, selbst zu lieben. Du bist ein Kind Gottes, du kannst das. Jedenfalls, so möchte ich anfügen, vielleicht immer wieder. Jesus verspricht dir, dafür über den Maßen reich beschenkt zu werden. Vielleicht meint dieses Geschenk an dich auch: Du wirst frei! Denn mit Verbitterung, Groll, Rachegefühlen lebt es sich so schlecht. Es verschlingt Unmengen von Energie und du vergiftest dich selbst.
Mir fällt zur jesuanischen Logik ein Beispiel aus unserem Kleingartenverein ein. Wir sind dort Pächterinnen und genießen seit 12 Jahren einen schönen Garten. Viele Jahre wurde unsere Wonne immer wieder durch die Art und Weise getrübt, wie die Anlage durch den Vorsitzenden, Herrn G, geführt wurde. Ein Mensch, der sein ganzes Leben Garten und Verein verschrieb, aber das oft in großer, kleingeistiger Engstirnigkeit. Er hat Probleme gefunden, wo es keine gab; junge Pächter, die im Vorstand gute Ideen einbrachten, ausgebremst und sogar bedroht. Es gab einige, die wegen ihm wieder zurückgetreten sind oder zumindest Federn gelassen haben. Inzwischen ist er abgewählt. Eine Erleichterung für die Anlage. Stimmen wurden laut, ihn ganz aus dem Verein auszuschließen. Die neue Vorständin hat es geschafft, ihn mit seinem Garten sein zu lassen und ihn zugleich in die Schranken zu weisen. Als ich sie fragte, wie sie es angestellt habe, dass Herr G inzwischen so „zahm“ ist, sagte sie zu mir: „Ach weißt du, der ist auch nur ein Menschenkind. Und er hat Schlimmes erlebt. Vielleicht wurde so aus diesem Menschenkind ein verbitterter, alter Mann. Mit diesem Blick gehe auf ihn zu. Ich habe nicht zugelassen, dass er weiter unsere gute Gartennachbarschaft schädigt, aber ich lasse ihm doch seinen Garten und seine Zugehörigkeit.“
Das fand ich super stark. Und ich glaube, genau das ist es, was Jesus mit konkreter Feindesliebe meint.
Was ich nicht glaube, dass Jesus uns hier eine allgemeingültige Anleitung zur Unterwerfung von Gewalt gibt. Es gibt Menschen, die haben keine Beißhemmung, wenn man ihnen die offene Kehle hinhält. Unterwerfung wäre auch nicht biblisch. Denn die ganze hebräische Bibel ist eine Befreiungsgeschichte aus der Sklaverei.
Und Jesus, wie verhält er sich selbst Gewalt gegenüber? Als ihm vor dem Sanhedrin der Prozess gemacht wird und er von einem Diener geschlagen wird, steckt er das nicht einfach ein und hält auch nicht die andere Wange hin. Er fragt ihn, warum er das tut und weist ihn zurecht.
Und doch, Jesus hat sich letztlich dafür entschieden, sich Soldaten auszuliefern, die keine Beißhemmung hatten und die ihn gefoltert, verspottet und getötet haben. Für sie hat er am Kreuz noch gebetet.
Eine Welt, von voraussetzungsloser Liebe getragen – das ist das Reich Gottes. Das ist unser Orientierungshorizont. Wir werden zu Gotteskindern, wenn wir uns zumindest von Jesu Worten erschrecken und aufrütteln lassen; wenn wir bei ihm in die Ausbildung zu Friedenstiftern gehen. Von mir kann ich sagen, dass das ein lebenslanger Weg wird. Ich möchte schließen mit dem Gedicht Freundselig, das diese Botschaft gut auf den Punkt bringt.
Freundselig
Es ist korrekt eingetragen
im Duden
das Wort „feindselig“
richtig ist es aber nicht
freundselig
will es heißen
glücklich zu preisen
wer freundlich ist
denn die Freundschaft
mit Mensch, Pflanze und Tier
sieht sich selbst im anderen
in Schwester und Bruder
sie ist die Frucht der Liebe
wer in Mitgeschöpfen Feinde sieht
wird niemals selig
und macht niemanden selig
die Zukunft gehört den
Freundseligen
Amen.

