„Holy and wild“

Warum dein Körper heiliger Boden ist – und was deine wildesten Sehnsüchte mit Gott zu tun haben. Predigt von Florian Ihsen zum Rosa Sonntag 14.12. 25 in St. Lukas in St. Jakob

„Politiker NN verpflichtet Behörden, gut sichtbar im Eingangsbereich eine Wurst aufzuhängen“. So meldet das Magazin „Der Postillon“, ein Satiremagazin zu einem bayerischen Politiker, der regelmäßig postet, was er isst: Bratwürste, Fleisch, Haxn, Döner und so weiter. Also: Gut sichtbar im Eingangsbereich von Behörden eine Wurst aufhängen. 😉 Denn, Fleisch hat quasi Verfassungsrang, O-Ton des Politikers. Und, und das ist wieder Postillon: Bayern ist Wurst! Ich bin Wurst. Wurst ist Liebe. Wurst ist Leben.

Fleisch polarisiert. Das Wort „Fleisch“ weckt Bilder. Viele mögen mit guten Gründen kein Fleisch. Viele mögen mit guten Gründen keine Posts, die polarisieren, egal ob Fleischesserin oder -esser, so wie ich, oder nicht.

Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen, heißt es im Lukasevangelium. Die meisten Bibeln übersetzen: Alle Menschen.  Ich mag es, dass die Lutherübersetzung hier ganz nah beim Urtext bleibt: da steht sarx „Fleisch“. Nicht Mensch, „anthropos“, sondern Fleisch.

Nicht alle Seelen, nicht alle reinen Geister, nicht alle gläubigen oder gutwilligen oder gebildeten Menschen. Sondern:  Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen. Der Mensch ist  zuerst Fleisch. Körper. Als bloßer Körper, nackt, wurdest du geboren, als kleines Stück Fleisch mit Blut- und Schleimspuren dran, abgeputzt, in ein Tuch gewickelt, gestillt, gekuschelt – – so bist du ins Leben gekommen. Und viele Jahre später – wie viele, das weiß Gott – wird ein gereiftes, vielleicht sehr altes und erschöpftes Stück Fleisch noch einmal nackt ausgezogen, ein letztes Mal gewaschen, angezogen, frisiert, geschminkt und in den Sarg gelegt, Sarg heißt Fleischbehälter.

Und dazwischen sehen wir x-Male in den Spiegel im Badezimmer oder in Handykamera – und sehen unser Fleisch.

Wenn ich mich im Spiegel sehe, bin ich immer ein bisschen geblendet. Nein nicht vor Schönheit oder dem was ich dafür halte, sondern eher von Peinlichkeit: Die Bauchfalte, die Tränensäcke, die nicht ganz so muslulösen Arme und der mitteloptimale Bartwuchs…. Fleisch ist das, was man morgens um sechs im Spiegel sieht, ungewaschen, ungeschminkt, unrasiert, was schwitzt und riecht, was manchmal gerne anders hätte, das altert.

Und noch etwas: Fleisch ist das, was fühlt und begehrt.

Johannes der Täufer geht in die Wüste und ruft: Bereitet Gott den Weg, lass dich auf Gott ein.  Und dabei fällt dieser eine Satz: Alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen. Nur Lukas überliefert ihn.

Die anderen Evangelisten überliefern das nicht. Sie erzählen etwas anderes von Johannes: Sie erzählen von seiner Kleidung in der Wüste: „Ein Gewand aus Kamelhaaren und einen Ledergürtel um seine Hüften.”

Ich glaube, das ist dieselbe Aussage. Nur anders erzählt.

Johannes ist holy and wild, er zieht sich besonders an. Ein Fell aus Kamelhaaren und Leder auf nackter Haut. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Nach drei Tagen in Kamelhaar und Ledergürtel spürst du deinen Körper anders. Das ist keine Mode. Das ist Prophetenoutfit und eine spirituelle Praxis.

Kleidung prägt, wie wir uns fühlen, wie ich da bin, in meinem Körper, in meinem Leben.

Manche erleben das intensiv und bewusst durch bestimmte Materialien Leder, Latex, Seide… Viele nennen das Fetisch und meinen es abwertend. Ich sehe darin etwas anderes: Jeder Stoff, jedes Material auf der Haut verändert unser Fühlen. Jedes Material auf eigene Weise. Durch bewusstes Tragen von bestimmter Kleidung gestalte ich mein Fühlen. Oder auch durch bewusstes Weglassen von diesem oder jenem Kleidungsstück. Was ich äußerlich trage, prägt, wie ich mich als Körper, in meinem Körper fühle. Auch Kleidung ist Teil spiritueller Praxis.

Johannes der Täufer, ein Mann in Leder und Kamelhaar, spürt seinen Körper, seine eigene Sensibilität. Und so wird er – sensibel für Gott. Das Wort Gottes geschah zu ihm. Wie genau das bei Johannes war, wird nicht erzählt. Stattdessen heißt es: „Bereitet ihr Gott den Weg“. Als ob das zusammenhängt. Als ob der Weg, auf dem Gott zu uns  kommt, unser Körper ist.

Dein Körper, wird Gott sehen. Dein Körper ist heiliger Boden. Und die Geschichte deines Körpers ist heiliger Boden. Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: Dein Körper ist heiliger Boden. Gott sehen, begegnen, anschauen, schmecken, genießen, von Gott beglückt, überwältigt werden – das geschieht mit deinem Körper, der hier in der Bank sitzt oder hier steht und nachher draußen in der Stadt rumläuft.

Heiliger Boden, ein heiliger Weg für Gott ist dein Körper und auch die Geschichte deines Körpers, die vielen Erinnerungen, die dein Körper gespeichert hat. Holy and wild…

Das erste Mal, als du gemerkt hast: Aha. So fühlt sich das an. Der Moment, als du verstanden hast, wen du liebst, was dein Körper dabei mag–und wie sich das, was dein Körper mag, auch entwickelt und verändert hat. Wie du gelernt hast, in deinem Körper zu Hause zu sein, ihn nicht zu bekämpfen sondern zu bewohnen. Oder diese eine Begegnung, in der du dich fallen lassen konntest. In der du in Ekstase die Zeit vergessen hast und dich lebendig gefühlt hast.

Es gibt die besonderen Momente in der Geschichte eines Körpers. Und es gibt das Knistern im Alltag. „Alltagserotik“. Ein katholischer Theologe, Hans Peter Hauschild, nennt das so. Alltagserotik. Die Hand des Lebensmenschen beim Einschlafen halten. Träumen von dem, was sich gut und geil anfühlt – und was du dich nicht oder noch nicht traust oder wofür gerade keine Zeit, kein Raum ist. Oder Ute, Ende 40, Wissenschaftlerin, alleinerziehend: In ihrer Mittagspause loggt sie sich auf ihrem Chatportal ein, schreibt mit ein paar Männern, manchmal auch mit Frauen, manchmal macht sie einen Videocall, Ute genießt ihre kurze  Auszeit, bevor ihre Tochter von der Schule kommt. Oder Johanna, 95 in ihrem vollautomatischenPflegebett. In ihrer langejährigen Ehe hat sie sich furchtbar gelangweilt;. Bis heute denkt sie fast täglich an die wilden Nächte mit diesem einen amerkanischen Soldaten in der Nachkriegszeit, niemals hat sie so geküsst, davon zehrt sie bis heute. Oder Kurt, knapp 80, er kann nicht mehr so gut gehen wegen seiner Polyneuropathie, sein Lieblingsort ist ein Erotikkino nur für Männer. Dort ist es dunkel und niemanden stört sich an seinem Hängebusen und der Orangenhaut, wie er sagt. Einige Männer stehen auf ihn. Hier fühlt sich Kurt lebendig.

Jeder Körper hat seine eigene Geschichte. Und jedes Sehnen hat eine eigene Geschichte. Dein Körper ist heiliger Boden: Wie und was dir gefällt, wen du begehrst, wie du erotisch lebst, wie du dich sehnst – das musst du nicht aussortieren, um zu Gott zu kommen. Was wäre, wenn unsere wildesten Sehnsüchte uns nicht von Gott wegführen, sondern zu Gott hinführen?

Körper, Fleisch, Materie – das ist der Weg auf dem Gott zu uns kommt. Als Kind, als Brot und Wein bei Abendmahl und Eucharistie, als Wasser über dem nackten Fleisch des Körpers bei der Taufe. Körperlichkeit ist kein Problem für den Glauben, sondern die Lösung, nämlich: Ein spiritueller Weg: Gott entscheidet sich, Körper, Mensch zu werden. Also:  Bereite Gott den Weg, dein Körper ist heiliger Boden und wird Gott sehen. Tue deinem Körper Gutes, damit Gott Lust hat, dir zu begegnen.

Amen.

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